Erst das Singen, dann die Genres

Viele Improsänger*innen dürsten relativ schnell nach Musikgenres, wenn die ersten Workshops geschafft sind. Es ist nur allzu verständlich, dass man etwas mehr Farbe in das Tun bekommen und abwechslungsreicher auf der Bühne sein möchte. Der Gedanke ist gut und richtig. Das Publikum möchte nicht immer das gleiche sehen und hören. Vor allem, wenn eine Gruppe so etwas seltenes wie Stammpublikum hat. Doch wo liegt die Falle? Es gibt immer einen Haken. Und den habe ich seit Jahren da ausgemacht, wo es um die Teilnahme an Impromusik Workshops geht. Mal ehrlich, wie viele Musikworkshops besucht eine durchschnittliche Improspielerin in den Jahren, wo sie sich im Bereich des improvisierten Theaters aus- und weiterbilden lässt? Ich habe von Gruppen schon gehört, dass der letzte Musikworkshop fünf Jahre her ist und es mal wieder an der Zeit war. Der nächste ist dann wahrscheinlich wieder erst in fünf Jahren. Vorausgesetzt der Gruppe ging aufgrund der Gesangsqualität nicht das Stammpublikum aus. Worauf möchte ich denn nun hinaus? Auf eine Falle, die ich einmal so beschreiben möchte:

“Ich habe doch nun schon drei Gesangsworkshops mitgemacht und auf der Bühne traue ich mich immerhin schon mal zu singen. Ich krieg mal einen guten Song hin, mal nicht. Egal. Das ist doch schon mal was.” (René Muster, Improspieler*in)

“Gesangsworkshops machen mir Spaß. Jetzt will ich aber auch mal ein paar Genres lernen. Sonst ist es doch langweilig. Die Basics habe ich doch in meinen zwei Gesangsworkshops schon mal gemacht.” (Maxi Avarage, Improspieler*in)

“Es ist super. Genres machen total Spaß. Wir haben beim Chanson geraucht, bei Schlager die Schlagerschlaufe am Mikro gemacht und Hände geschüttelt und beim Metal Instrumente zerstört. Voll witzig Genres zu singen. Und das Publikum liebt es total.” (Kim Mediocris, Improspieler*in)

Diese Überspitzung soll ein Problem aufzeigen. Viele glauben, dass ein, zwei Musikworkshops, in denen sie effektiv 15 Minuten gesungen und selbst gelernt haben, genügen, um ein guter Improsänger zu werden. Viele glauben, wenn sie eine Übung ein Mal gemacht haben und sie “können”, genügt das. Dass selbst Profis immer noch Zug-u-Zug trainieren, so wie Sängerinnen Reimen üben, wird dabei völlig vergessen. Dass Grundlagen zu wiederholen auch mal nicht so viel Spaß machen kann, weil Improspielerinnen immer neugierig auf Neues sind und sich nichts wiederholen darf, ist eben ein Dilemma. Sie tappen dabei leider allzu oft in die Falle, dann lieber eins drauf setzen zu wollen, statt die Grundlagen wirklich gut zu beherrschen. Die Genres sollen als “special effects” davon ablenken, dass man die Basics nur so halb gut drauf hat. Und da das aber langweilig zu sein scheint, an etwas wirklich zu arbeiten (Ja, gute Musiker sind nicht nur Talente, sondern arbeiten sehr viel. Fleiß schlägt immer Talent!”) wird die eigene Motivation wieder angestachelt mit neuen Inputs.

Heraus kommt dabei leider häufig nur, dass die mageren Basics eines Liedes übertüncht werden mit klischeehaften Darstellungen eines Genres. Die gibt es ohne Zweifel auch, sonst wäre ja ein Genres kaum erkennbar, aber die Fixierung auf sie und die Überhöhung, um Lacher zu erzeugen, will im Grunde nur eines: Ablenken von den Basics, die nicht so sicher sind. Improspieler*innen möchten halt nicht in Dauerschleife die gleichen Workshops besuchen. Das verstehe ich total. Aber es genügt nun mal in keinem Gebiet, einen Wochenend-Workshop zu besuchen, damit man es danach kann. Leider ist es wie beim Sport. Regelmäßigkeit führt zum Erfolg. Ein Rundum-Blick führt ebenfalls zu einem besseren Ergebnis. Auch wenn nur ein paar Videos eines Genres betrachtet werden, gehört dies zu Beschäftigung mit einem Genre. Dennoch sollte das Singen erst einmal zentral sein. Denn worum geht es sonst in der Musik?! Wenn ein Improsänger also wirklich dran bleiben will, sollten wenigstens 15 Minuten täglicher Gesang dabei sein. Kleine Ziele und Schritte und eine Eieruhr. Mehr braucht man nicht. Eieruhr? Stelle Dir einen Timer auf 15 Minuten. Sobald er klingelt, hörst Du auf zu üben. Falls Du einmal nicht so motiviert sein solltest, hast Du es nach einer Viertelstunde schon überstanden. Möchtest Du weiter üben, stelle die Uhr einfach noch ein paar Minuten weiter. Bis das Üben zur Routine geworden ist. Und selbst nach 25 Jahren Musikmachens, stelle ich mir den Wecker auch noch auf das Klavier. Es bewirkt Wunder. Probier es aus!

Wenn die Grundlagen Skills und eine regelmäßige Beschäftigung mit der Materie dazu geführt haben, dass die Improvisationskunst der Stimme veredelt werden möchte, kannst Du dir ja ein Genre schnappen. Und dann geht das Spiel wieder von vorn los. Ein Genre in 2 Stunden zu lernen, ist reiner Budenzauber. Ein Genre in einem halben Jahr zu durchdringen, ist realistischer. Klingt viel, ist es auch. Aber es lohnt mehr, als der schnelle Lacher wegen eines schlecht gespielten und gesungenen Klischees. Workshops sind immer nur kleine Anschübe und Inspiration. Die Arbeit beginnt nach dem Workshop. Wenn Du kontinuierlich dran bleibst, reichen vielleicht auch Workshops alle fünf Jahre. Aber Workshopleiter freuen sich natürlich, wenn Du dir soviel Inpspiration wie möglich holst. Du darfst nur nicht verwechseln, dass der Lehrer dir nicht dein Lernen abnehmen kann. Jede*r lernt für sich allein!

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